Markennews
Dienstag, 4. Juli 2017

„Wir sind keine Sekte, wir wollen Gewinn machen“ - Die Geschichte von Passugger

Urs Schmid hat seinen Posten an den Nagel gehängt, um unabhängig zu sein. Er kaufte den Betrieb Passugger von Carlsberg zurück. Warum jener kurzzeitig in die roten Zahlen rutschte und warum er sich von Exportabenteuern fernhält, darüber spricht der 54-Jährige.

 

Herr Schmid, sind Sie eines Morgens einfach aufgewacht und haben gedacht: Heute kaufe ich den Betrieb  Passugger Mineralquellen vom dänischen Konzern Carlsberg zurück? 
Urs Schmid: Die grösste Motivation war eigentlich das Streben nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Tatsächlich war das Ganze eine Art Bieridee: Als ich mich mit Branchenkollegen zum Bier traf, haben wir darüber gesprochen, dass man diese Quellen im Grunde genommen eigentlich zurückkaufen müsste, um die Traditionsmarken zum vergangenen Erfolg zurückzuführen. An jenem Abend bin ich nach Hause 
gegangen und habe am nächsten Tag beim Konzern angerufen. 
 
Und kurze Zeit später sind Sie losge­zogen, um Investoren zu suchen. 
Zuerst habe ich über Monate mit Feldschlösschen verhandelt. Aber ja, als feststand, dass die Idee konkret werden kann, habe ich eine Liste mit gut 200 potenziellen Investoren – alles Bündner – erstellt. Die Idee war es, dass Passugger wieder Bündnern gehören sollte. Um die potenziellen Investoren zu klassifizieren, nutzte ich eine Skala von eins bis fünf Sternen, ob sie das nötige Geld haben und ob sie überhaupt in ein solch emotionales Business investieren würden. Ich stellte mir auch die Frage, ob ich mit diesen Menschen vier Mal im Jahr am Tisch sitzen möchte. Wir haben danach hart verhandelt. Von Anfang an war klar, dass ich die Mehrheit an der Gesellschaft wollte. Ein kühner Anspruch. Doch letztlich habe ich zusammen mit einem Anwalt die ersten Fünf auf der Liste kontaktiert, und alle haben Ja gesagt. Der Anwalt ist heute einer unserer Partner. Es war ein Abenteuer. Viele haben nicht geglaubt, dass wir es schaffen. Vor allem am Anfang sind die Volumen zwar stark zurückgegangen, wir wussten nicht immer genau, wie wir wachsen sollen und mussten auch Geld nachschiessen. Unsere Überlegung war im Nachhinein betrachtet aber richtig, wir haben den Markt und unsere Marktchancen richtig eingeschätzt.  
 
Wie hoch war die Investitionssumme insgesamt?
Darüber haben wir mit unseren Verkäufern Stillschweigen vereinbart. Eines kann aber gesagt werden, es war kein Schnäppchen. Denn immerhin ist Passugger die älteste Mineralquellen-Marke der Schweiz und seit jeher eine Premiummarke.
 
Kurz nach der Übernahme haben Sie in Passugg in eine neue PET-Abfülllinie investiert. Wie kam das?
Wir hatten bald festgestellt, dass wir mit unserer Idee, die Traditionsmarken zurückzuführen, gut ankamen. Wir hatten aber auch festgestellt, dass wir den Umsatzrückgang nur dann kompensieren können, wenn wir unsere Produkte in PET-Flaschen anbieten können. So haben wir bereits zwei Jahre nach der Übernahme gut 2 Millionen Franken in dieses Vorhaben investiert. Dies war so kurz nach der Rückführung eine ziemliche Herausforderung.
 
Hat sich die Investition für Sie gelohnt?
Absolut. Zwischenzeitlich füllen wir über ein Drittel unserer Produkte in PET-Flaschen ab. Kürzlich haben wir über 5 Millionen Franken in eine komplett neue und von der Glas-Abfülllinie unabhängige PET-Linie investiert. Dies sind wichtige Schritte, um die Prozesse im Betrieb zu optimieren und am Markt dabeibleiben zu können. 
 
Passugger besetzt eine Nische im Premium-Segment. Warum haben Sie es nicht auf den Massenmarkt abgesehen? 
Weil dies schon zu viele tun und weil Passugger seit jeher ein Premium-Mineralwasser ist. Ich glaube wirklich an eine Wertewelt rund um unser Produkt. Ich glaube, wir wären verloren: Unsere Mitbewerber in diesem dynamischen, schnellen Markt sind Nestlé, Coca-Cola und andere. Als Markenproduzent muss man sich entscheiden, wo man hin will. Unsere Entscheidung für die Werte-Nische hat vielmehr mit unseren Produkten, unseren Marken und deren Geschichte zu tun als mit irgendeiner Marketingidee. 
 
Der Versuch, Coop als Vertriebsweg zu erschliessen, endete wenig erfolgreich. Warum?
In den ersten drei Jahren, als die Volumen stärker zurückgingen als erwartet, haben wir realisiert, dass wir Fans haben. Aber auch, dass diese unsere Produkte in PET-Flaschen und im Detailhandel kaufen wollten. Zusammen mit Anbietern im Detailhandel haben wir dann die Möglichkeiten ausgelotet. Es war uns klar, dass eine Premium-Marke im schweizerischen Detailhandel Sinn machen könnte, haben aber von vornherein klargemacht, dass wir dies nur unter Mithilfe des Handels schaffen werden. Wir haben darauf mehrere Hunderttausend Franken in die Lancierung gesteckt. Nach wenigen Monaten haben wir dann aber festgestellt, dass unsere Idee nicht verstanden wurde und haben uns weitgehend wieder aus diesen Märkten zurückgezogen. Dies war eine ziemlich schmerzliche  Erfahrung. 

Quelle: http://www.vaterland.li/wirtschaft/region/Wir-sind-keine-Sekte-wir-wollen-Gewinn-machen;art198,277712